Laudatio Shpresa Agushi

Background: Shpresa Agushi, a Rromni from Kosovo received the 2007 prize "Freiheit und Menschenrechte" (Freedom and Human Rights) of the Foundation for Freedom and Human Rights in Bern for her work as a Rroma  and human right activist in Kosovo. This price, given out every two years has seen laureates as diverse as the Dalai Lama, Chechen activists and so on. 

The list of former laureates of this prize can be found on the foundation's web page.

The Laudation was given by Stephane Laederich, Executive Director of the Rroma Foundation.


LAUDATIO

Sehr geehrte Damen und Herren,

Rromnjale, Rromale,

Es ist mir eine besondere Ehre, heute hier dabei zu sein. Wenn man hier über Kosovo spricht, denkt man fast automatisch, zumindest hier in der Schweiz, an Albaner und Serben. Von den anderen Minderheiten hört man allenfalls nur am Rande. Es gab ja keine. Oder zumindest, es waren „kleine“ Minderheiten...

Zu denken, dass es ja mehr „Zigeuner“ als eigentliche Serben im Kosovo gab, dies zumindest vor dem Krieg, ist ja undenkbar. So viele „Fahrende“ hätte man ja wohl gesehen und bemerkt. 

Dass die Mehrheit der Rroma in den Balkan nie „fahrend“ gewesen sind, hat schon mal viele mühsame und ausführliche Erklärungen gebraucht. In mehreren Jahren Arbeit haben wir es so weit geschafft, dass man nicht mehr über „Fahrende“ in der Region spricht. Dass schon eher von ‚Zwangsangesiedelten’ Rroma die Rede ist, ist eigentlich schon etwas. (Dass dieser Erfolg eigentlich weit von der Wahrheit ist, ist klar..?). 

Rroma sind von Indien gekommen, sprechen noch eine indische Sprache die ihnen erlaubt, in Nordwest-Indien sich gut zu verständigen, aber Rroma, ausser dass sie eben aus Indien migriert sind, waren nie „fahrend“. Sie sind sesshaft, integriert, und Europäer. 

Nie war es so sehr der Fall wie im Kosovo. Kosovo, Mazedonien, und West-Bulgarien – das eigentlich altertümliche Thrakien ist die Wiege der Rroma-Kultur und -Präsenz in Europa. Viele der Rroma-Viertel (so genannte Mahala) in Kosovos Städten sind älter als die Türken, die diese Terminologie eingeführt haben. 

Eigentlich heissen viele der Rroma im Kosovo ‚Arlii’. Sie sind eine der grössten Gruppen Rroma in dieser Region (mir ca. 1.5 Mio Leuten in Serbien, Kosovo, Albanien, Bulgarien). ’Arlii’ bedeutet auf Türkisch ursprünglich „sesshaft“ oder „aus dem Ort.

Diese Rroma waren integriert, Teil des dortigen Bürgertums, waren Ärzte, Lehrer, Anwälte, gar Polizisten, und dies seit Jahrhunderten. 

Die Unterscheidungen zwischen Rroma Gruppen, eigentlich das Kern der Identität bei Rroma, ist in der Politik total ignoriert worden. Rrom, und das sollte man eigentlich nicht vergessen, bedeuten Mann, und gleichzeitig Ehemann, und man bezeichnet sich auf Rromanes – die Sprache der Rroma - formell eigentlich nicht als Rrom, sondern als Mitglied einer Gruppe. Gruppe ist eigentlich keine gute Beschreibung auf Deutsch. Diese können, wie im Falle der Arlii, sehr gross sein, oder im Falle der Litovska Roma (aus Lettland) sehr klein (ca. 15,000 Leuten) sein. 

Im Kosovo stand Milosevic vor einer wesentlichen Schwierigkeit: Es gab vor dem Kriege eine erhebliche serbische Minderheit. Aber, und das wird immer noch verneint und vergessen, es gab da mehr Rroma. Eigentlich um die 300,000. Nicht alle Rromanes sprechende, da es auch viele assimilierte Rroma gab, aber auch türkischsprachige, wie überall im Balkan, und viele Arlii, Bugurdzhi, Kovaci, die integriert gelebt haben, aber ihre Kultur beibehalten haben.

Divide et Impera war die Doktrin. Aus der grössten Minderheit im Kosovo, und dies vor den Serben, wurden Rroma, Ashkali und Ägypter. Und dabei eigentlich die grösste Mehrheit der Rroma einfach vergessen – die Arlii. 

Dass viele Ashkali Rromanes sprechen ist in der Zwischenzeit vergessen, dass ihre Eltern Kovaci, Arabajdzhi usw. waren, ist auch vergessen. Es sind und bleiben Rroma, auch wenn es von Vertretern dieser Gruppe verneint wird. Eines muss man wissen, als „Rroma“ bezeichnen sich eigentlich im Kosovo nur Gurbeti. Diese Gruppe, die aus der Wallachei stammt und erst im 18. Jahrhundert ins Kosovo, nach Serbien und Bosnien gekommen ist, diese Gruppe ist heutzutage der Inbegriff der „Rroma“. Beim Bundesamt für Migration BFM gelten sie hier als „serbischsprachige“ Rroma, weil die albanische Propaganda sie als Kollaborateure der Serben abgestempelt hat. 

Diese politische Spiele, wo leider auch viele Rroma mitgemacht haben, sollte aber eine Tatsache nicht verdecken: Rroma – ob Ashkali, Ägypter, Arlii, Bugurdzhi, Kovaci, Gurbeti usw. sind und bleiben in den Augen der albanischen Bevölkerung einfach „Majup“ – Zigeuner -. Also werden sie, wenn auch nicht innerhalb der Minderheit, wenigstens von der Aussenwelt alle gleich als Zigeuner betrachtet. Und das sind sie auch – Rroma.

Integriert, zumindest die grosse Mehrheit, und dies seit einer halben Ewigkeit. Nationalismus nach der Wende hat alles vernichtet. Integration verschwand. Wenn Länder sich durch Ethnie definieren, gibt es halt keinen Platz mehr für eine Minderheit, die zwar schon seit mehr als tausend Jahre da ist, aber halt nicht in primitive nationalistische Muster passt. 

Das ist es, was den Rroma in Bosnien, aber vor allem im Kosovo passiert ist. Sie wurden aus rein politischen Gründen, aus rein rassistischen Gründen, „ethnisch gesäubert“, vertrieben. Und dies vor der Öffentlichkeit, die sich dadurch kaum betroffen gefühlt hat, da es sich ja nur um ein paar „Fahrende“, die sowieso stehlen, betteln, usw., handelte. 

Was im Kosovo passieren wird ist keinem Klar. Es gibt verschiedene Szenarien. Eines ist aber sicher: einen ethnisch definierten Staat, der Minderheiten duldet, kann es nicht geben. Und Kosovo ist leider diesen Weg der ethnischen Defintion gegangen. Die Geschichte dieses Landes, dessen Reichtum, mit Mazedoniern, Albanern, Rroma, Türken, Serben, Griechen, und vielen anderen wird aus nationalistischer Dummheit einfach vergessen und umdefiniert. Und, genau wie im Falle von Bosnien, schaut Europa einfach zu. Man vermeidet selbstverständlich, dass Leute umgebracht werden, wenn auch nicht immer, aber man duldet und anerkennt, dass ein Drittel der Kosovo Bevölkerung, eigentlich keinen  Platz mehr in ihrer Heimat hat. Kein Platz und - wenn überhaupt – kaum eine Zukunft. 

Dass unsere Schweizer Politiker mit ein paar „Kriminellen“ alle „Zigeuner“ aus der Region so ausschaffen wollen - wohin, kann man sich fragen - und dass sie mit solchen rassistischen Kommentaren wie „bekanntlich leben Rroma in grossen Sippen“ usw... oder mit pseudo-wissenschaftlichen Teilungen in „albanisch-sprachige“ und „serbisch-sprachige“ Rroma ihre Arbeit vereinfachen, dies obwohl fast alle sowohl Albanisch wie auch Serbo-Kroatisch sprechen, ist mir persönlich ein Dorn im Auge. Da muss man sich einsetzen. Einsetzen sowohl für diejenigen, die flüchten mussten wie auch für diejenigen, die geblieben sind. 

Und deren Leben ist wirklich nicht einfach. Ich wurde mitten in Prizren, der für Rroma sichersten Stadt, vor KFOR-Truppen als „Zigeuner“ beschimpft, nur weil ich auf Rromanes gesprochen habe. Viele trauen sich nicht mehr, ihre eigene Sprache zu sprechen, vor allem wegen ihren Kindern, aus Angst es könnte ihnen etwas passieren. Auch wenn es diesmal keine „Endlösung“ gab, wenn Leute nicht einfach vernichtet wurden, so muss man doch sagen, dass wir einem Völkermord zuschauen. Und dabei wenig machen, wenn überhaupt etwas.

Es ist mir auf diesem Hintergrund eine besonders grosse Ehre, hier eine Frau aus dem Kosovo und ihre Arbeit ehren zu können. Angesichts einer derartigen ethnischen Säuberung - es gibt zurzeit weniger als 15% der ursprünglichen Rroma-Bevölkerung im Kosovo! – haben viele das Land einfach verlassen. Sich einzusetzen, seine persönliche Sicherheit, seine Existenz gar aufs Spiel zu setzen – das ist wirklich nicht allen gegeben. Shpresa hat es gemacht. Und macht es noch immer. Dieses Engagement für ihre Minderheit, für die Zukunft einer tausendjährigen Geschichte, ist zu bewundern. Ein Preis wie derjenige der Stiftung für Freiheit und Menschenrechte ist eine wirklich verdiente Anerkennung ihres Mutes. 

Die Geschichte hat gezeigt, dass man nicht unbedingt ein Schaf sein muss. Ob weiss oder schwarz, zu denken, sich einzusetzen, dazu sind nur wenige bereit. Diese Personen, die sich gegen solche Flutwellen, gegen die allgemeinen „Wahrheiten“ einsetzen, und sich dabei erst noch für den Reichtum unserer gemeinsamen europäischen Kultur einsetzen, sind zu ehren. 

Und Rroma sind Europäer! 

Es ist uns somit allen eine grosse Ehre, die Anerkennung der Arbeit von Shpresa Agushi hier feiern zu können. Und möge sie weiter dafür die Kraft haben. 

Te del o Devel lake zor, sastipe, baxt, andi lakiri butji.

copyright: Opre